Freitag, 13. Oktober 2017

"Wildfang" von Raik Thorstad

Wer bist du? Und wer bin ich?

Dem kleinen Schutzpark für Wildtiere, in dem Mark arbeitet, stehen große Veränderungen bevor. Er soll sich nicht nur dem Publikum öffnen, um die dringend benötigten finanziellen Mittel zu sichern, er bekommt auch einen außergewöhnlichen neuen Bewohner: Der Kodiak-Bär „Matunnos“, der gerade erst aus einem Zirkus befreit wurde, bezieht eines der Gehege. Mark ist fasziniert von dem riesigen Tier. Aber er merkt rasch, dass sein neuer Schützling anderes ist, als alle anderen Bären im Park. Eine sehr ungewöhnliche Verletzung ist nicht die einzige Überraschung, sondern nur der erste Schritt auf dem weiten Weg, das Rätsel um Matunnos zu klären.

Der Klappentext von Raik Thorstads „Wildfang“ scheint nahezulegen, dass es sich hier um einen der vielen Gestaltwandler-Romane handelt, die im Moment zu erhalten sind. Stimmt auch – aber nur in gewisser Weise. Das fängt übrigens damit an, dass hier eine der wenigen überzeugenden Storys aus dem Genre vorliegt, die eben nicht im fernen Amerika, sondern im Deutschland spielt.

Wo die meisten der Bücher auf eine simple Romanze setzen, geht „Wildfang“ deutlich weiter. Das Buch ist in mehr als einer Hinsicht so ungewöhnlich wie ein Kodiak-Bär in Niederbayern. Es geht nicht nur darum, ob Mark und Mantunnos ein Paar werden, sondern auch darum, dass die beiden herausfinden müssen, wer sie sind und wer sie sein wollen.
Offensichtlich ist das natürlich bei dem Mantunnos, der für sehr lange Zeit in seiner Bären-Gestalt gefangen war und erst wieder entdecken muss, was für ein Mensch er ist und sein kann. Aber auch Mark geht einen weiten Weg. Er liebt seine Arbeit über alles und vergisst darüber gerne sein Privatleben. Oder benutzt er seinen Job etwa, um keines haben zu müssen und sich so vor Enttäuschungen zu schützen?

Eine zentrale Rolle in der Geschichte kommt der Sprache zu.
Eher lustig ist das z.B. bei Gertrud, einer der Nebenfiguren der Handlung, die eine ganz eigene Sprache spricht. Die Autorin hält die kleine Spielerei bis zum Schluss durch und sorgt damit immer mal wieder für ein Grinsen. (Sorry an die Mitmenschen aus Niederbayern, aber der Dialekt ist einfach witzig zu lesen …)

Mark stottert so sehr, dass ihm manchmal förmlich die Worte im Halse stecken bleiben. Das hemmt ihn in seiner Beziehung zu anderen Menschen, die dazu neigen ihn nicht ausreden zu lassen oder ungeduldig werden, weil es ihnen zu lange dauert. Klar, das Mark Tiere lieber sind, die ihn nicht be- oder verurteilen. Oder ist er selbst es am Ende, der sich nur über sein Stottern definiert und sein Handicap zum zentralen Punkt in seinem Leben macht?

Wieder scheint es bei Mantunnos offensichtlich zu sein, wo seine Probleme liegen. Witzigerweise „versteht“ man ihn aber als Leser jederzeit ausgezeichnet, weil Raik Thorstad es geradezu genial schafft, darzulegen, was der Bär durch Körpersprache vermittelt. Das Buch ist auch in den Abschnitten erstaunlich glaubwürdig und faszinierend, wo aus der Sicht des Tieres (!) erzählt wird. Welche Probleme Mantannus mit (der deutschen) Sprache hat und wie eine Sprache dann schließlich zur Lösung des Rätsels beiträgt, ist unvergleichlich spannend und berührend.

Mark und Mantannus gehen beide einen weiten Weg, bis sie sich – obwohl sie endlich miteinander reden können – auch wortlos verstehen und vertrauen.
Wildfang“ ist ein einzigartiges Buch. Eines, das aus vielen verschiedenen Gründen deutlich aus der Masse heraus sticht. Es berührt und macht nachdenklich. Die Geschichte beginnt ruhig und langsam, nimmt dann fast unmerklich Fahrt auf und fesselt schließlich so sehr, dass man sie nicht eine Sekunde aus der Hand legen kann, bis man weiß ob und wie sie ausgeht. Das Ende schreit geradezu nach einer Fortsetzung!!! Jetzt wo die beiden Helden endlich die Frage „Wer bin ich?“ beantworten können, will man unbedingt wissen, wie es mit ihnen weitergeht!

Fazit: Ich bin wirklich begeistert. Deshalb bekommt „Wildfang“ von mir mehr als 5 Punkte und eine Leseempfehlung.

P.S.: Ganz nebenher lernt man eine Menge über Bären. Die Story ist trotz des Fantasy-Anteils so realistisch erzählt, dass man wahrscheinlich nie wieder an einem Bärengehege vorbeigehen kann, ohne an „Wildfang“ zu denken und darüber zu spekulieren, was sich wirklich alles unter dem dichten Pelz seiner Bewohner verbirgt.

P.S. 2: Wie immer ohne Einfluss auf meine Bewertung, aber voll im Fan-Girl-Modus ...
Ich LIEBE das wunderschöne Cover. Das ist einfach toll!!!

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- "Wildfang"

Bildquelle: Cursed Verlag

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